Karma ist keine Glaubensfrage

Das Karma-Gesetz gilt gemäß Veda-Philosophie nicht als eine Frage des subjektiven Glaubens oder der Weltanschauung, sondern als ein glaubensunabhängiges Naturgesetz. Diesen Gedanken wollen wir nun aufgreifen und näher untersuchen, da dies unserer Erfahrung nach ein Aspekt ist, der immer wieder Anlass zu Zweifeln und Diskussionen gibt.

Es geht um die Frage: Wenn doch das Karma-Gesetz so selbstverständlich und natürlich ist, warum wird es dann – zumindest in unserem Kulturkreis – im Alltag von den Menschen nicht deutlicher wahrgenommen, verstanden und berücksichtigt? – Nun, ein Grund liegt vermutlich darin, dass unsere Erinnerung begrenzt ist. Wir säen eine Ursache, doch wenn wir dann irgendwann nach einigen Monaten oder Jahren die entsprechende Wirkung ernten, haben wir die Ursache oft längst wieder vergessen – ganz zu schweigen davon, wenn die Ursache nicht im gegenwärtigen, sondern in einem früheren Leben liegt. Da wir uns offensichtlich nicht auf unser lückenhaftes Erinnerungsvermögen verlassen können, um in jedem Einzelfall die Wirksamkeit der karmischen Prozesse persönlich zu verifizieren, sind wir gut beraten, die Richtigkeit und Gerechtigkeit des Karma-Gesetzes nicht von unserem jeweiligen subjektiven Verständnis abhängig zu machen.

Die Logik ist im Grunde ganz einfach: Entweder ist das Karma-Gesetz ein Naturgesetz, oder aber es ist keines. Entweder wirkt es, so wie wir es, oder aber es wirkt nicht. Entweder trifft es, da es eben ein Naturgesetz und ein kosmisches Prinzip ist, auf alle Menschen gleichermaßen zu, oder aber es trifft auf niemanden zu. Es kann ja nicht sein, dass ein Naturgesetz nur für diejenigen gültig ist, die gerade daran glauben, und für alle anderen, die gerade nicht daran glauben, keine Gültigkeit besitzt.

So oder so – die Wirksamkeit des Karma ist in jedem Fall nicht davon abhängig, ob wir daran glauben oder nicht. Das heißt in der logischen Folgerung: Karma ist keine Glaubensfrage. Dasselbe gilt auch beispielsweise für das Leben nach dem Tod,  für die Seelenwanderung,  für die Existenz Gottes und für nahezu alle wichtigen philosophischen und theologischen Fragen. Die Dinge sind nun einmal so, wie sie eben sind, und es macht dabei herzlich wenig Unterschied, ob wir aus unserer begrenzten mentalen Perspektive heraus betrachtet gerade imstande sind, sie zu erkennen oder nicht, oder ob wir gerade gewillt sind, an sie zu glauben oder nicht.

Da Karma also in jedem Fall keine Glaubensfrage ist, können wir als mündige, selbstverantwortliche und selbständig denkende Individuen beginnen, das Karma-Gesetz mit ernsthaften wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Dabei können wir, wie bei jeder anderen wissenschaftlichen Untersuchung auch, beispielsweise Beobachtungen, Fakten und Argumente auflisten, die für das Karma-Konzept sprechen, und solche, die dagegen sprechen. Dann können wir die Schlüssigkeit der jeweiligen Argumente auf den Prüfstand unseres kritischen Unterscheidungsvermögens stellen und auf diese Weise allmählich zu einem persönlichen Entscheid kommen, was wir vom Karma-Gesetz halten. In solchen zentralen Lebensfragen tun wir mit Sicherheit gut daran, die Entscheidung über unsere Überzeugungen nicht an andere Instanzen zu delegieren, sondern mit wacher Intelligenz selbst zu forschen, zu hinterfragen, abzuwägen und zu prüfen.

Wenn Sie gestatten, liebe Leserin und lieber Leser, möchten wir Ihnen an dieser Stelle einen persönlichen Rat ans Herz legen: Prüfen Sie gerne kritisch auch die Ausführungen des vorliegenden Artikels. Prüfen Sie, ob die hier angeführten Argumente für das Karma-Gesetz Sie zu überzeugen vermögen oder nicht. Prüfen Sie dann ebenso kritisch auch Ihre etwaigen Vorbehalte und Zweifel sowie die alternativen Konzepte, welche von den unterschiedlichen Weltanschauungen, Philosophien und Religionen angeboten werden. Seien Sie dabei weder blind gläubig noch blind skeptisch, sondern suchen Sie in der goldenen Mitte zwischen blindem Glauben und blindem Skeptizismus Ihre eigene, authentische Ansicht und Meinung. Entscheiden Sie auf diese Weise nach eingehender Prüfung aller Fakten und Argumente, ob Sie das Karma-Gesetz zu einem Bestandteil Ihres Weltbildes machen wollen oder nicht.

Auch wir sind genau diesen selben Weg gegangen, auch wir haben die unterschiedlichen Konzepte und Erklärungsmodelle der Welt kritisch unter die Lupe genommen und sind schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass wir das Karma-Gesetz für die schlüssigste, gerechteste und mit Abstand sinnvollste Erklärung für die Phänomene des Lebens halten.

Das Integrieren des Karma-Gesetzes ins eigene Weltbild sollte, wie wir finden, kein oberflächlicher Akt irgendeines nebulösen, sentimentalen Glaubens und keine Folge irgendeiner unterschwelligen Angst, sondern vielmehr eine klare und bewusste philosophische Entscheidung sein. Der deutliche Vorteil davon, wenn man auf diese Weise nach eingehender kritischer Überprüfung eine klare Entscheidung getroffen hat, liegt auf der Hand: Wir können dann durch etwaige schwer zu verstehende Einzelfälle nicht mehr in grundlegende Zweifel oder Verunsicherungen gestürzt werden. Da wir wissen und akzeptiert haben, dass unsere Sicht und unser Verständnis der Wirklichkeit aufgrund unserer eigenen menschlichen Unzulänglichkeiten immer begrenzt ist, fällt es uns nicht schwer, auch dort demütig, respektvoll und frei von Zweifeln zu bleiben, wo unser Verstand endet. Wir erheben nicht den Anspruch, sämtliche Vorgänge im Universum zu verstehen, nachvollziehen oder erklären zu können. Doch auch dort, wo es uns unmöglich ist, das Wirken der karmischen Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen, bleiben wir vertrauensvoll und gefestigt. Denn wir haben uns bereits aus guten Gründen dafür entschieden, dem Wirken des Karma-Gesetzes seinen angemessenen Platz in unserem Weltbild einzuräumen. Dies war in unserem Falle, wie gesagt, kein Akt (senti-)mentalen Glaubens, sondern eine bewusste, selbstverantwortliche philosophische Entscheidung.

Die Lebensweisheiten der meisten Kulturen raten den Menschen in der einen oder anderen Form genau dieses: Trage die Verantwortung nicht nur für dein Schicksal, sondern auch für dein Weltbild und für deine Überzeugungen selber und sei somit ein reifer, mündiger und selbstverantwortlicher, ein tugendhafter und vorbildhafter Mensch.

6. Juni 2019 |